Verwehte Koordinaten
Hier erscheint in unregelmässigen Abständen Angespültes; Neues und seit langem Treibendes.
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23 Tipps, mit denen du nicht glücklich wirst, dafür einen ordentlichen Text hinkriegst (sofern du halbwegs talentiert bist)
- Schreib worüber du Bescheid weisst, aber nicht über dich.
- Deine Gefühle interessieren niemanden.
- Fast niemand lebt hierzulande vom (literarischen) Schreiben. Gewöhn dich dran. Auch wenn du dich für ein Geschenk Gottes hältst: sichere deine Existenz. Wenn du dich in unterbezahlten Jobs kaputtackerst, wirst du das Schreiben bald lassen.
- Lebe damit, dass die (menschliche) Natur chaotisch und amoralisch ist. Mach einen Schritt zurück und leg dir einen naiven Blick zu.
- Sei Autor*in, nicht Lehrer*in – und schon gar nicht Politiker*in.
- Im Leben kommt deine Familie zuerst. Wenn du nicht Junot Díaz bist, hat sie in deiner Literatur nichts verloren (besonders wenn es um Befindlichkeiten geht, siehe 1. & 2.).
- Schreib so einfach, so unmittelbar, wie möglich. Es ist tausendmal leichter einen hochtrabenden Mist zu schreiben als einen klaren, verständlichen Text.
- Es kümmert keinen, ob du ehrlich bist. Im besten Fall bist du authentisch, im schlimmsten Fall langweilig.
- Klugernst schlägt dummernst, dummernst schlägt dummlustig. Kluglustig schlägt alle.
- Geh aufs Ganze.
- Komponiere.
- Such dir jemanden, der / die sich auskennt und seziere deinen Text mit ihm / ihr.
- Werde dir klar, was du willst und mach dann keine Kompromisse mehr.
- Tappe in Themen- und Stilfragen nicht in die Zeitgeistfalle – „nichts ist so kalt wie der heisse Scheiss von gestern“.
- Klaue schamlos bei den Meister*innen (siehe 14.). Sie taten und tun es auch.
- Du schreibst, weil du denkst, dass du was zu sagen hast. Sag das und nicht, was du denkst, das irgendjemand hören will.
- Frag dich, was dir das Recht gibt, mit deiner Schreibe die Lebenszeit anderer zu stehlen.
- Sei dir im klaren, dass du bald tot bist. Das Leben ist nicht mehr als eine Stichflamme. Also: kein. verdammter. Bullshit.
- Sei Extremist*in.
- Widme dich deinem Thema total – ohne Rücksicht auf deine physische und psychische Gesundheit (google Antoine D’Agata).
- Andere sind diesen Weg vor dir gegangen. Leg dir einen Pantheon aus toten und lebenden Autor*innen zu und sei in Kontakt mit ihnen. Sie wissen, woher die Schläge kommen werden.
- Iss gut.
- Schreibe.
Bonus:
«Schreibe so, dass jedes Wort gegen dich verwendet werden kann!», Jens Børneboe (*1920; †1976).
(Bjørneboe schrieb unter dem Foto eines toten Partisanen. Jeder Satz musste vor diesem bestehen.)
Narr #24, 2018
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Sommersonnwändfäscht
1
D Sonne erreicht höt de Zenit
De gohts z dörab
Wie be de Meischte vo üs em Läbe
Wo a däm Ponkt scho acho send
Das esch aber ke Grond zom Trüebsal blose
Mini Dame ond Herre
Ziehnd Sie ehre Chopf usem Schlamm
Holed Sie ehri Flentene usem Chornfäld
Es esch ke Grond zom Trüebsalblose
Sondern för es Fäscht
Wärti Gmeind
För es Fäscht
2
Die alte Götter beniidet üs om d Schtärblechkeit
Well jede Momänt, jede Momänt vo üs
Esch so intensiv, so tüüf
Wie sie sech das nie chönd vorschtelle
Ohni das schtändige Ändi
wo bi üs henterem lengge Scholterblatt flatteret
Wie ne altersschwachi Üüle
Drom esch höt
Do ond etz
Alls wommer hend, e Momänt
För es Fäscht
E Fahrt ofeme trömmlige Chelbikarrussell wo usenandgheit
Schämpis trenke ofeme senkende Scheff
Nie send Truube süesser gse
Bade emene See ofeme schmelzende Gletscher
E chli ufgregt
E chli wehmüetig
3
Ab höt chreist d Sonne
Em Verlösche entgäge
S Liecht esch es alts Wäse
wo emmer chlinner ond chlinner werd
«S geid emmer zögiger förschi …»
Höchi ond Abstorz
Ond schmelzendi Flögel
Ergendwenn
Werd s Liecht weder wachse
Aber ned etz
Höchi ond Abstorz
Ond schmelzendi Flögel us Wachs
Alles gheit em Verlösche entgäge
Aber Donkelheit esch au schön
Mer cha vell schöns mache
Wenns donkel esch
Mer cha au vell Schlemms mache
Wenns Donkel esch
I dere Wält
4
Es ged aber no
En anderi Wält
Sie esch etz
Sie esch do
För wenigi Nächt em Johr
Esch d Töre sperangelwiit offe
Sonnewändi, 21. Juni, höt
Es ged nor ei Momänt
ETZ
Zenit
Halt d Ziit a –
Wenn zoberscht of Pause dröcksch
Gods nie meh abe
Es ged nor ei Momänt:
Etz
Mer chönd ned wösse
Öb mer morn no do send
oder e de nöchschte Minute
Mer vertraued z vell em Ongwösse
Mer chönnd ned wösse
Es ged nor ei Momänt:
Etz
Ei Atemzog ond de
de nöchscht ond de nöchscht ond de nöchscht
ETZ
5
Der ghört ned meh als es halbs Lofthole
Säged d Bramane
Am Golf vo Bengale
Ziit esch en Abfolg vo etz
ond etz ond etz
Öppis anders gets ned
E Schrett of d Site
Esch e Schrett us de Ziit
E Schrett of d Site
Esch e Schrett us de Ziit
E Schrett of d Site
Esch e Schrett us de Ziit
Kene esch en Ensle
Mer triibed all em gliche Tömpel
Näbem gliche Grömpel
Während d Frösch quacket
Ond sech paared
Bes vom Storch gno wärdet
Was gse esch esch gse
Was wird wärdemer gseh
Uflöse
Alles wo ned etz esch
– reini Hypothese
Que sera sera
6
S Doosi esch schön
Wenns em Onterholz raschled
Sends Liebendi
Oder amänt d Dachse?
Öppe mol go luege go
S Doosi esch schön
wenns öberall raschlet
Ede Haselschtrücher
Ede Holdereschtude
Em Schatte vom Sonnwändfüür
Hend alli chli Freud anenand
Chli chnöschperle
Chli chäschperle
Chli fägnäschte
Don’t blame the Sprundel
When you do it in the Rudel
7
Es romplet ond chlefelet
es bolet, macht ond tätscht
Well höt esch dänk Fäscht
Höt gets vom Büffee
So vell wied wotsch
Ond nomeh …
Es get Ochsemulsalot, Serivlasalot, Tomatemozarellasalot
Ond e knoschprigi Militärchässchnette dezue
Chomm mer gönd go aschtoh
E chli ga gschoue
Etz tue ned so Kari, well höt esch dänk Fäscht
Bigle etz hör uf of dä Köbi iezprögle (verbal)
Prögubigle … us etz!
Well höt esch dänk Fäscht
Höt getz Wörscht
Ond Salöt
Höt esch Fäscht
Ond alli ässed
Metenand
Anenand … vonenand
8
Ond ergendwenn
Erschöpft vom vele Guete
Gleitets öbere
Gönds dör die Töre
Wo nor wenigi Tääg em Johr offe esch
Gheieds i die alte Gschechte
Wo scho emmer do gse send
Die alte Gschechte wos Füür verzellt
Wenns kneschteret
Wo d Greser huched
wenns vom Wend börschtet wärded
Wo s Holz ede Hüser knarrt
Wo d Frösch am Teich quaked
Wo d Salamander leschpled
Wo d Grille zirped
Wo dis Härz pöpperlet
E de Schtelli vo de Nacht
Wo d Glogge senged
i ontergangne Schtädt
9
Ond Zwärge fired Hochzit onter de Holdere
S Schneewittli wartet höt no ofe Schatz
Ond d Zwärge baschtlet Ruete usem Hasel
S Schneewittli wartet höt no ofne Schmatz
D Holle jasset em Exil met de böse Schtefmueter
Ehri Zit chonnt
aber ned etz, aber ned do aber ned höt
Höt esch Bluescht ond döregheie
Höt esch Gschere, höt esch Fäscht
Höt esch Salöt met Militärchässchnette
Höt esch Musig, höt esch Tanz
Höt esch ei Atemzog nochem nöchschte
Jede Momänt Ewigkeit
10
Höt werd de Some gsetzt, wo em Wenter wachst
«Weisch no denn, i dere Nacht, wos nie donkel worde esch?!»
E chli Muet, chli Öbermuet
Mal so wiit use dass mer ke Land me gsehd
Sech mol zo de Zwärgli woge
Mal si Chrütergort verfüüre
Onds Gwand grad hendedriiwärfe
Mal rede met de Ross em Schtall
Gloggeglüüt ond Feegsang
Go Nixe sueche henterem blüehende Farn
Mer träged üses Füür i üs
11
Mer träged üses Füür id Fälder
Mer träged üses Füür a Floss
Henter üs es Geischterheer
Tumultös
D Sonne macht drü Spröng ond s Härz setzt eis us
Du sengsch eis ond ech geb zwöi us
Hof ond Huus
Lösed sech uf
Höt gömmer verlore
Em Gschtrüpp vo de Ziit
Höt riite mer so wit
Dass mer nor no Grüsch verschtönd
I Länder wo mer no nie devo ghört hend
Höt gömmer zäme öber de Rand vo de Wält
ond hälfed ede Sonne gäge d Stärne z kämpfe
Henter üs es Geischterheer
Tumultös
Mer träged üses Füür i üs …
Etz
Do
Höt
Rede zur Sommersonnenwende (Auszug), 21. Juni 2025, Hof Undertelle, Rain
Es gilt das gesprochene Wort.

***
Die grosse Angst
Die grosse Angst
kam über die Berge
Die grosse Angst
kam übers Meer
Die grosse Angst
durchkämmte Wälder
Die grosse Angst
fiel ein in die Stadt
Wer keiner von uns ist,
ist einer von denen
Von denen, die uns bös wollen
Von denen, die nicht sind wie man zu sein hat
Von denen, die wir uns vom Leibe halten wollen
Die grosse Angst
kam mit den Schiffen
wie die Ratten
und die Syphilis
Die grosse Angst
kam mit dem Besen
durch die Luft
Die grosse Angst
kehrte, kehrte, kehrte
Und wer ne Knarre hatte
durfte den Hauswart geben
Die grosse Angst kam über mich
Die grosse Angst kam über dich
Und die Finsternis
währte eine ganze Nacht
Die grosse Angst
ist eine Säure im Rückgrat
Die grosse Angst
ist eine Made im Herz
Wer keiner von uns ist …
Die grosse Angst kam mit dem Feuer
Die grosse Angst kommt mit dem Wissen,
dass man nicht mehr sein wird,
irgendwann
Die grosse Angst
kehrte, kehrte, kehrte
Wer nicht gemetztelt wurde,
den raffte die Sepsis
Die grosse Angst ersann
ein Schlachthaus für Millionen
Sie tat sich gütlich dran
Die Seuche Mensch
bekämpft sich selbst
Geh sanft in deine Dunkelheit
Schau den Sonnenuntergang
von einer Liege in den Bergen aus
Schnapswärme, während das Licht scheu schwindet
Der Tag ist bloss eine perverse Verzerrung
der Finsternis
Die Sonne versenkt sich selbst
wie ein Basketball im Alpenkorb
Die grosse Angst
sie kam zu Pferde
Die grosse Angst
sie kam zu Fuss
Die grosse Angst
treibt in den Wassern der Nacht
Ein lichterloh brennendes Schiff verlässt den Hafen
Die Abbilder der Flammen
tanzen auf den Wellen
Hier fährt die grosse Angst aus
mit Tara und Klingbim
Ich freute mich
Dann graute der Morgen
Dann gingen sie über zu den Hinrichtungen
Dann gehorchten ihnen die Beine wieder,
die Arme und die Finger,
mit denen sie die Abzüge drückten
Die grosse Angst
kommt über die Berge
Die grosse Angst
kommt übers Meer
Die grosse Angst
durchkämmt die Wälder
Die grosse Angst
fährt ein in die Stadt
Wer keiner von uns ist,
ist einer von denen.
Wer keiner von uns ist …
Vorgetragen am Kraut-Festival, 17. August 2018, Talstation Gütsch, Luzern
***
Alles würde kommen, wie es war
1
Erst zog es sich schier endlos hin, zähflüssig wie Käsefäden an Hundstagen. Der Körper: Autoblockade wie in der REM-Phase. Dann gings auf einmal schnell. Keine Lichtblitze, wie Zeitreisen in Filmen oft dargestellt werden. Eher eine totale Verdichtung der Dunkelheit und Silentium in extremis.
Als ich wieder ins Licht eintauchte, wurde es von jeder Zelle gierig aufgesogen.
Da strampelte ich mich auch schon in einem monströsen Fruchtwasser ab, das den Horizont in alle vier Windrichtungen jagte: Das Kreidemeer, wie ich mir später zusammenreimte. Eine immense tropische Depression.
Urzeitkrebse begannen sich an meinem Fusspilz gütlich zu tun. Wie das kitzelte! Ein Glucksen entfuhr mir. Ich hoffte zu ertrinken. Dann wäre diese Schmierenkomödie vorbei und ich könnte neun Monate in einem gemütlichen Uterus vor mich hinreifen. Ein Seelenagent auf Urlaub – bis das ganze Bohbohl von vorne begänne, sich erst schier endlos hinzöge, bis der neue Körper ausgewachsen wäre, dann begänne einem erneut die Zeit davon zu hetzen wie ein Füchslein bei der Treibjagd.
Mit dem Unterschied, dass dieses Füchslein dir den Garaus macht, wenn du es gestellt hast.
2
Er fühlt sich, als ob eine Herde Triceratopse durch seinen Grind getrampt wären. Alles, was sie hinterlassen haben: Scheisse und Matsch. Er schliesst die Augen und dreht sich gegen die Sonne. Wärme nistet sich hinter den Lidern ein, wie Larven von Viechern.
Der Zug fährt im Bahnhof neben seiner Absteige ein. Er suhlt sich in einem Tagtraum, wie er am Bahnsteig steht und sich im letzten Moment auf die Gleise fallen lässt.
Es gibt keine Möglichkeit, aus diesem Nichts zu gelangen, als aufzustehen und zu gehen. Er dachte stets, er habe nichts auf die Reihe gekriegt, weil er nie lange liiert war, keine Familie gegründet hat. Weil er in verlausten Hotels hauste. Weil er, falls mal etwas Geld übrigblieb, immer die gleiche alte Madame im Maison de Joux in der Medina aufsuchte.
Aber heute weiss er, dass diese sogenannten Errungenschaften im Leben fürchterliche Fallen sind. Das Einzige: travel on, write, read. Lass dich treiben. Such etwas, das dich fasziniert und lass es dich killen.
«Gewöhn dich an den Grizzly hinter deinem Rücken», schreibt Werner Herzog. Wenn da kein Bär ist, hast du was falsch gemacht. Wenn dich sogar das langweilt, vor dem du auf der Hut sein solltest, läufts wohl grad nicht so bei dir.
Südlich der Stadt liegt eine Basis für Raumfahrzeuge. In der Nacht flitzen unablässig Lichter vorbei, beschleunigen und heben ab oder bremsen ab und landen. Begleitet von einem Zischen.
Wie läuft man über einen angefrorenen See, ohne einzubrechen? Diese Kälte, das fehlende Licht. Die Sonne wird altersschwach. Die meisten sind gegangen. Nur ein paar unverbesserliche Nostalgiker sowie einige Elende, die sich die Reise nicht leisten können, sitzen fest.
3
Die Zeit ist eine geschlossene Krebsschere, das eine geht ins andere über, ohne zu verschmelzen. Ich werde ein anderer, ohne mich in der Gegenwart verändert zu haben. Allein durch meinen verschobenen Standpunkt in meiner eigenen Geschichte.
Sie gaben mir einen Auftrag, den ich nicht ablehnen konnte. Verwehrte ich ihn, starb ich auf der Stelle und müsste wieder von vorne beginnen. Nahm ich ihn an, würde ich mit grosser Wahrscheinlichkeit vernichtet. Total vernichtet. Einer der 99 bekannten Namen der Atombombe ist «der Seelenkiller». Ein Glücksfall für uns, die seit zig Leben aufs Nirwana, die Auflösung, hinarbeiten.
Der zu verhindernde GAU deutete sich im Norden mit einem schwachen Leuchten am Horizont an. Südlich des heutigen Windhoek arbeiteten Reptiloiden in einem experimentellen Stadium mit Atomenergie.
Das Böse, die gewollte Grausamkeit, konnte sich einzig in Humanoidenhirnstämmen entwickeln. Deren Ära bahnte sich aufgrund des Verschwindens des intelligenten Zweigs der Reptilien (eine Reaktorexplosion mit anschliessendem nuklearen Winter, um das mal endgültig zu klären) vor 65 Millionen Jahren an.
Die Leute, die mich in der Zeit reisen liessen, gehörten zu einer misanthropischen Endzeitsekte, deren Guru eine Inkarnation Maria Magdalenas und obendrein vom Geist Rumis besessen war. Sie suchten zu verhindern, dass die Reptiloiden sich selbst auslöschten und damit den Weg für den Homo sapiens sapiens, den modernen Menschen, der Wurzel allen Übels, dem Elend der Schöpfung, ebneten.
Um das Gleichgewicht hier her- und mir eine Hülle in der anderen Zeit bereitzustellen wurde ein fröhlicher Freibeuter per Zeitfalle von seinem Schiff gekapert und auf der Avenue Sidi Amar in Tanger ausgesetzt.
4
Das 21. Jahrhundert war ein Witz. Besonders zum Ende hin. Die müde Fortsetzung eines 20. Jahrhunderts, in dem grundsätzlich alle Register gezogen wurden, zu denen die Menschheit im Guten wie im Schlechten fähig war. Das 20. Jahrhundert versprach Zukunft, den neuen Menschen, den Weltraum, ersoff in Kriegen und nuklearer Bedrohung. Das 21. Jahrhundert war von allen Visionen geheilt, es ging nur noch um Verwertbarkeit. Weitermachen mit Kurs auf den Eisberg (es gibt ja welche, die behaupten, die Titanic hätte es überstanden, wenn sie frontal in den Eisberg gekracht wäre und nicht versucht hätte, auszuweichen – aber halten wir uns nicht mit Entlebucher Beizenweisheiten auf. Es gibt auch Leute die sagen, Leben sei eine Form der Zeitreise. Halt bloss in eine Richtung und sehr umständlich. Jedoch befinde man sich in jeder Nanosekunde an einem anderen Punkt in der Zeit). Weitermachen!
5
Atlantis was a state of mind. Ein Geflecht aus Archipelen, die einander unterstützen, wenn es sein musste, und sich ansonsten gegenseitig in Ruhe liessen. Eine europäische Karibik im Kreidemeer. Die Völker, die dort siedelten, vögelten und soffen ohne schlechtes Gewissen und vermieden jegliche Form körperlicher Anstrengung. Ihr Leben war eine einzige Lustbarkeit, kein Mangel, kein Überfluss. Je weiter südlich man ging, desto entwickelter wurden die Zivilisationen – und arbeiteten (wohl mehr oder weniger unwissend) auf die heimliche Vollendung allen Fortschritts hin; die totale Vernichtung.
6
Was anfangen mit soviel Vergangenheit?
Wohin mit all den Worten
die meinen Geist wie nervöse Wellen
in den Schwindel schaukeln?
Im Wasser fühle ich Hände
Die einen ziehen nach oben
Die anderen nach unten
Aber wie soll man in diesem Durcheinander wissen
welches wo ist?
Will ich überhaupt in dieser Vergangenheit leben?
frage ich mich
Und was verliere ich
wenn ich sie einfach von mir fortstosse
Wie einen Baumstamm
der mich an Land bringen will?
7
Das Kreidemeer war eine tiefe tropische Depression. Ich erinnerte mich an Beckett. Wieder scheitern. Besser scheitern. War mir dem Urzeithai nicht gewahr, der auf mich zuschoss, doch in der Millisekunde nach seinem ersten Biss, bevor ich in die Schwärze fiel, lächelte ich. Alles würde kommen, wie es war.
Aus: „ORLOGE zeitreisen 1x retro und zurück“. Verlag der gesunde Menschenversand, 2019
***
D Steffle e de Stompefabrek
Edition IS*V #1 (2025)
Provinz esch det, wo de Pfarrer, de Dokter, de Lehrer, die Intellektuelle send, dänk i, won i bi −7 Grad öber ne Salzteppech a de Wasserscheidi, markiert vom Lehrer-Stalder-Bronne, verbischuene. Obwohl de Stalder, de Stalder esch en Intellektuelle, da wott i de gar nüt gseid ha.
Wiso ben ech do, am Ändi vom Äntlibuech, wiit, wiit henter de drü-dröi-Grönze, scho fasch z Truebschache osse be de Stöndeler, det wo d Legeschafte so schöni Näme hend wie Himugüegli oder Rämisgummehoger. Ned wiit vo do moderet em Hugo Loetscher sini Bibliothek emene Zivilschotzchäller vor sech hi, wie ne Soldat i sim Grab. Aber wäge däm ben i ned do. Mini Tante Annekäthi em Läbens- ond Begägnigszenter „Seelefrede“ wott i bsueche.
Z Lozärn ben i em Sonderläsesaal vo de Bibliothek of ne Gschecht gstosse. E Wohltat esch dä gse, dä Sonderläsesaal. Em Gägesatz zo de Igangshalle vo dere ehemals ehrwördige Bibliothek, wo mer vor luuter Kafigschwätz, Sandwichgmampf, Videocalls ond Hondetherapiegroppene gar nömme zom Studiere chonnt, ged’s em Sonderläsesaal als letschte Zueflochtsort no klari Verhaltensregle: Kes Gschnorr, kes Kätsch, kes Gbäll.
A däm Paradiisli han i bem ziillose Blättere döre „Bärgjutz“, e sehr chorzläbigi Ziitschreft, wo s progressive Äntlibuech hed welle abbelde, en Artekel gfonde: „D Steffle e de Stompefabrek“.
Bes 1952 heig’s en Äschlissmatt fasch hondert Johr lang e Zigarrefabrek gäh. Gschaffet heig det au e Steffle, geborene Zöumestefan, Beichlenordhang, Spaniekämpfer, zroggcho als Frau ond Gschlächtschrank, metmene Goof, wo s em wäggnoh hend, d Muetter vo däm Gschöpfli, e Nonne ond a de Süüch z grondgange – die Geschecht hed tönt wie de Plot vo „Todo sobre mi madre“ vom Almodóvar, eifach früehner ond no met ere Chriegsnote. Obigtüür, Gfohr, Verwandlig ond de wersch zrogg i dis Schiisskaff verfrachtet, Heimatort, wo alles gliich blobe esch wie gäng ond du e wandelndi Freakshow besch.
Öber das han i met minere Tante Annekäthi em Läbens- ond Begägnigszenter „Seelefrede“ welle rede. Aber sie hed gseid, sie wössi nüd öber so Züg. E Stompefabrek heig’s aber scho gäh, grad det äne bem Dorfusgang rechtig Marbach. Sie sig aube för e Dädi ga „Schwyzer-Huus-Habana“ choufe. S Geböi heig i somne Hallodri ghört, wo d Scholde ned heig chönne zahle ond’s de ane Glöibiger heig mösse abgäh.
***
32 Liebesgedichte und 7 Pantis con Culo (2024, Ausschnitt)
Hommage an Heinz Stalders Gedichtband „96 Liebesgedichte und 20 Pullover“ (1974)
Du
wuchsest an den Gestaden des Zuckerrohrmeers.
Da legten tagsüber
die Wolkenschiffe an.
Und Gespinste im Dämmer.
Du
hast mir Bier verkauft
und manchmal Schnaps.
Als ich
dich
mit nach Hause nahm,
ahntest
du wohl kaum,
wie viele Mäuse
hinter dem Täfer lebten.
Man schimpfte
dich
hart und sagte, an
dir
sei ein Steinbock
verloren gegangen.
Der mit dem härtesten
Grind notabene.
Hoy es Noche de Sexo.
Und der Erlöser
kommt auf jedem zweiten Flugblatt.
Du
schliefst mal wieder
nicht
oder vergassest ob
du geschlafen
hast.
In diesem Bett
wie eine Klippe
über dem Kleidermeer
eine Inselstadt
in der Zuckersee.
Oh …
du …
mein Panty con Culo!
Wie schön muss
dein
Santo Domingo sein.
Die Cotorras
krähen und scheissen
die Ruine eiens Klosters voll.
Die Jungen sterben
und die Alten bleiben zurück.
Eine vieja pisst vor uns
auf die Strasse.
Eine jüngere kommt uns entgegen,
wie Gott Eva schuf.
In Santo Domingo de Guzmán
3.2 Millionen Seelen
(Agglo inkludiert).
Die Cotorras
krähen und scheissen
die Ruine voll.
Die Hirten sind längst ausgezogen –
die verlorenen Schafe
auf sich gestellt.
Du
kamst als Loca,
ich als Loco.
En archē ēn ho Lógos
Dos locos, dos tontos.
Amen.
Ich fand dich schön,
wie ein Papagei.
Nicht so schön
fandest du das.
Ich schenke leichten Wein
dir ein.
Nie Bier danach,
kaum Rum.
Diddeli di
diddeli dum.
Hinter des Nachbars
Bretterverschlag
machte es Porfirio
mit einem Esel.
Ihr Mädchen linstet
abwechselnd durch einen Spalt
und lachtet.
Warum wusstet ihr nicht.
Beim dritten Mal
rief ich auf spanisch an.
Verwechselte llamar
und lamer.
So gab es erst etwas zu lachen
und später etwas zu tun.
Eine Bekannte von dir
habe einen immensen
Panty con Culo bessessen,
der ihren Kindern als Schwimmhilfe
diente.
Absurd diese Pantis con Culo
Bestimmt aber bekömmlicher
als die Korsette
die Organe aufeinanderdrücken
wie Sardinen.
Die Blumen
freuten dich.
Doch als dir der junge Metzger
den Plastiksack mit dem warmen Fleisch
des Zickleins überreichte,
das er eben vor unseren
Augen geschlachtet hatte,
strahltest du.
Das
letzte Wort
ist immer deines.
Und wenn es
Schweigen ist.
Hört denn das nie auf
mit diesen Pullovern
und Pantis?!
Wie schön wär’n wir ohne –
wie einst im Paradies!
In Higüey,
dem heiligsten Ort
in der Karibik,
schrieb noch nie
jemand etwas Grosses
(das publiziert und wahrgenommen
worden wäre).
In Higüey,
auf 106 Metern über Meer,
schaffen sich die Seifenopern,
die Sinfonien, die Klassiker
selber.
Ich bin hier überflüssig.
Heure auf einem Wolkenschiff an
oder als Gespinst im Dämmer.

***
Ponyhof (Grunge Domingue)
S Läbe esch ke Ponyhof
Es esch e Metzgerei
Chomm as you are
Schtärbe muesch elei
De Bolze get der dä
Wo grad metleidig luegt
S Läbe esch ke Ponyhof
Du besch e Chueh wo muhet
Vorwärts, zur Sonne, zur Freiheit min Frönd!
D Verspräche send us ond d Kolonne esch lang
Mer marschiered öber Schärbe is Donkle min Frönd
Illusionslos i Ontergang
S Läbe esch ke Ponyhof
Es esch e Metzgerei
Chomm as you are
Schtärbe muesch elei
Log det de Huufe Chnöche
Wie froh ond wiss das strahled
Das esch eusi Zuekonft
No rosiger als gmalet
Vorwärts, zur Sonne, zur Freiheit min Frönd!
Verspräche send us ond d Kolonne esch lang
Mer marschiered öber Schärbe is Donkle min Frönd
Illusionslos i Ontergang
Log det de Huufe Chnöche
Wie froh ond wiss das strahled
Das esch eusi Zuekonft
No rosiger als gmalet
Vorwärts, zur Sonne, zur Freiheit min Frönd!
D Verspräche send us ond d Kolonne esch lang
Mer marschiered öber Schärbe is Donkle min Frönd
Illusionslos i Ontergang
***
Knechts Kniekehlen
Die Kniekehlen des Dr. Heinrich Knecht verbergen einen Mund und ein blindes Auge. Und so kam das:
Während eines Urlaubs im Münstertal legte man während einer Flussfahrt einen Halt in einem der zahlreichen pittoresken Hüttendörflein ein.
Ein fröhlicher junger Mann separierte Dr. Heinrich Knecht von der Gruppe und wollte ihn für ein angeblich authentisches Ritual begeistern. „Good Price for you!“
Knecht aber roch die Touristenfalle aus drei Meilen gegen den Wind. Sowieso war er ein Mönch des Wissens, ein Soldat des Humanisumus und wollte sich nicht solchem Firlefanz wie für Touristen zu überrissenen Preisen inszenierte Voodoozeremonien abgeben.
Dies erklärte er dem Jungito frei heraus. Dieser reagierte äusserst grummelig. Um ihn zu besänftigen, schenkte ihm Dr. Heinrich Knecht seine Ferienlektüre „Das foucaultsche Pendel“. Der Roman hatte etwas in seinem Innersten berührt, auf eine Art, dass es ihn fror.
Auf dem Rückweg zum Raddampfer stolperte Knecht über eine hervorstehende Wurzel.
Mit einem kleinen Stöcklein, fein verziert mit mystischen Symbolen, tippte der Jungito, der wie aus Nichts aufgetaucht war, je drei Mal nacheinander auf beide von Knechts Kniekehelen, und sang dazu:
„Sana sana, culito de rana, si no sana hoy, sana mañana.“
Zurück auf dem Schiff gab es für alle dicke Zigarren – Ringmass 69 – aus einheimischer Produktion und die Reisegruppe schmauchte so froh, dass es herrliches Vergnügen war.
In seiner Kajüte fühlte sich Dr. Heinrich Knecht fiebrig; er legte sich schlafen. Mitten in der Nacht begann ein Herz zu rasen, seine Kniekehlen zwickten; als er die entsprechenden Stellen abtastete, wurde er einer gallertartigen Masse gewahr – als hätte ein Pfeilgiftfröschlein darin seinen Laich abgedrückt.
Am nächsten Morgen – Dr. Heinrich Knecht hatte die unschöne nächtliche Episode bereits vergessen oder als Traum abgetan – schwammen in seinem Morgenbad sich auflösende Gelatinestücklein.
Knecht schrak hoch und erblickte das Grauen aus einem sehr verrenkten Winkel: da waren in der linken Kniekehle ein milchig trübes Auge und in der rechten ein stummer Mund, der mit den Lippen schmatzte und sang:
„Sana sana, culito de rana, si no sana hoy, sana mañana.“
Vorgetragen in Uster (Villa Grunholzer), 28. Dezember 2023, Meischter geht. Wir winken.
***
El Salón
Yari wollte bloss ein Bierchen trinken
Nun ist ne halbe Flasche Jacky weg
„Ooopsy“, haucht sie, selbstvergessen
„Nun muss ich aber rauchen“
Sie kramt eine Zigarette aus dem knittrigen Pack, Marlboro Gold
Ihre langen weissen Fingernägel sehen aus wie Krallen
Einst war sie eine begnadete Schatzzeli-Jägerin
Heute erlegt sie keine Beute mehr
Drei Trans* hocken auf einer schwarzen Ledercouch
& plappern da den ganzen Tag
Wie Papageien auf der Stange, mit überschlagenen Beinen
Als würde hier gerade der neuste Film von Almodóvar gedreht
Shanell hat nen Riesenständer, sie merkt es nicht
Das Klebeband, das ihr Gehänge zwischen den Beinen bändigen sollte, gab auf
Die Naht der Jeans leidet sehr
„Ay coño que Guebaso, was für ein Riesenschwanz“, kreischt Yari
& leckt den Hals ihrer Bierflasche ab
„Que sinvergüenza! Was für eine Schamlosigkeit!“
Aneury klatscht in die Hände & Gelächter schiesst aus ihr
„Weisst du noch, Hipólito?
Der Präsident … er war im Fernsehen & hatte den Hosenladen offen
Die Moderatorin wollte ihn diskret darauf hinweisen, doch er tat als verstünde er nicht
Der Präsident der Dominikanischen Republik mit offenem Hosenladen im Staatsfernsehen
Schliesslich sagte sie
„Herr Präsident, sie haben den Hosenladen offen“
& er bloss: „Wo das Yuca gross wächst, spaltet sich die Erde“
„Ayyy que Hipólito!“
Lachtremolo
Ein Alter mit fettigem Haar
& bis zum Bauchnabel aufgeknöpften Hemd
Schläft seit Stunden im Coiffeurstuhl nebenan
Er betet träumend seinen Rosenkranz
“Oh angel del sexo y la orina
Ruiseñor de la nada” *
„Shanell, kennst du diesen viejo?“
„Das ist Panero“
„No bueno eso Hombre, nicht gut dieser Mann“
Sie wischt mit der Hand etwas Imaginäres aus der Luft
Shanell sei auf der Flucht vor der Polizei, wusste mal wer
& wenn man fragt, weiss keiner was
Shanell habe in einer Favela in Rio eine Beauty-Klinik betrieben
Shanell habe den Frauen die Brüsteärschelippen mit Zement aufgespritzt
Shanell, die selber nur aus Brüsten & Arsch zu bestehen scheint
Shanell habe jemand umgebracht mit dieser Behandlung
Shanell sei eine Desperada, habe auf der Flucht einen abgeknallt
Shanell, die sich bis eben ein Schnuckelchen hielt
Einen Jungen wie Seidenpapier, halb so alt wie sie
Der sie ohne ein Wort verliess, als jemand andeutete
Shanell habe mit ihm einen Macumba gemacht
Einen bösen Voodoo-Zauber, um ihn an sich zu binden
“Oh angel del sexo y la orina
Ruiseñor de la nada”*
Die Erotik einer Machete
Die Lust, von einem Mückenschwarm verschlungen zu werden
Yari wollte bloss ein Bierchen trinken
Nun ist ne halbe Flasche Jacky weg
Sie heiratete einen reichen Alten
Der, wie sie merken musste, das Mausen nicht lassen konnte
Er hätte sogar einen Besen mit Rock angemacht
Sein Geschäft schlitterte in den Konkurs & sie rächt sich nun
Indem sie seine Rente im Salón verschleudert
Dreimal die Woche das volle Programm
„Ay que guapa! Que gustooosa …”
Yaris lange weisse Fingernägel sehen aus wie Krallen
Sie jagt keine Beute mehr
Hinter jedem Berg ist noch ein Berg
Vor jedem Heute ist ein Gestern
Die Strasse führt nicht in die Stadt
Sie endet im Matsch
Der Fluss mündet nicht im Meer
Er verebbt im Sumpf
Irgendwer hat immer Geld
Oder ein Getränk
Yari wollte bloss ein Bierchen trinken
Nun ist ne halbe Buddel Jacky weg
Sie wurde von einer wohlhabenden weissen Familie adoptiert
Ihre Stiefgeschwister versuchten sie umzubringen
Nichtznutzin & Prieta, nannten sie sie so lange
Bis sie ihren Namen fast vergessen hatte
Sie badete in Bleiche, um weisser zu werden
Wäre fast draufgegangen dabei
„QUE MALDITA VIDA DE PERRO!“, schreit sie, wenn sie betrunken ist
Was fürn verfluchtes Hundeleben
& kurz bevor sie auf den Boden knallt:
„Dame otra! Noch eins!“
Das Letzte vor dem Letzen vor dem dritten Allerletzten
Scheissdrauf, nur das ist wichtig
Scheissdrauf, scheiss auf alles
Attitüde
Hinter jedem Berg ist noch ein Berg
Vor jedem Morgen ist ein Heute
& hinten links
Neben den drei Becken, wo die Haare gewaschen werden
Wo kräftige Finger die Köpfe einschäumen
Ist der Kühlschrank
& jede Flasche ein Versprechen
& jeder Klatsch, jede Geschichte
Ein Schritt weg von sich
* „Oh Engel aus Sex & Urin
Nachtigall des Nichts“ (Leopoldo María Panero)
Erschienen in „Wortknall – Spoken Word in der Schweiz“, 2021, Verlag Der gesunde Menschenversand, Luzern
***
PORT-AU-KRIENS
(Petro 22, Januar 2021)

***
Güirigüiri
Wind
Der Wind war schon da
bevor die Inseln auftauchten
Buenas, wo wart ihr so lange?
Schlafsturm blinzeln sie aus den Wellen
säen ihre Traumreste in den Passat
Der Wind trieb nicht bloss
goldbeladene Galleonen in die Piraten
Er trägt die Worte
des Dichters Eduard Glissant
Der Westen liegt nicht im Westen
Er ist ein Projekt, kein Ort
Der Wind trieb nicht bloss
im Schiffbauch gestapelte Menschen
denen alles geraubt wurde ausser ihre Geschichten
in die Plantagenarbeit
Er trägt die Worte
des Dichters Tip Marugg
Der karibische Mensch ist sogar dort fremd,
wo seine Nabelschnur begraben liegt
Der Wind wiegt nicht bloss
die von Kleinflugzeugen
abgeworfenen Drogenpakete
in den Küstenwellen
Auch die Worte
des Dichters Frank Báez
Ein Stück Holz im Rio Ozama
Wie eine Hand die Hallo winkt
Oder Aufwiedersehen
Der Wind trägt die Worte
Der Dichterin Calma Carmona
swimming endlessly across the caribbean sea
Der Wind trägt die Worte
Der Dichterin Hilde Domin
aus der Sommerhütte ihres
dominikanischen Sehnsuchtsdeutschlands
Constanza (1200 Meter über Meer)
über den Atlantik
Man muss weggehen können
Und doch wie ein Baum sein
Im Zuckerrohrmeer
will ich verloren gehn
auf einer ausgetrampelten Lichtung
in besinnungsloser Nacht
Blassorange schimmern schon die Ränder
Ein Windstoss fährt durch die Halme
Trommeln
Ein Huhn flattert
Zaghaft rinnt Blut aus seinem Hals
Ich lasse den Ast los
der mich oben hält und ertrinke
Anacaona
Sie schnurrt wie eine Katze,
die auf blutige Genüsse sinnt
Diese Spiele kenne ich
Würde sie verfluchen
Wüsste ich bloss, wie das geht
Vor kurzem war die Hoffnung grün
Nun hat ein Esel sie gefressen
Es bleiben Zweifel
Und jedes Wollen
ist ein rasch verlöschender Funken
in rabenschwarzer Dunkelheit
Vor kurzem war die Hoffnung grün
Nun hat ein Esel sie gefressen
Madrugada
Wolken wie Eingeweide
Unter der offenen Bauchdecke
wühle ich im Fluffigen
Lese die Zukunft
Untergang –
klar doch!
Wie seit dem ersten Tag
Die alten Geister,
aufgedunsene Viecher im Schnaps,
sie zappeln nicht mehr
Und das Licht,
das Morgenlicht;
so schön
verhängnisverhangen
Chapo
Die Seele des Teufels
ist aufgeteilt
auf die Hunde dieser Welt
Glaubt mir:
Sind Brüche des Bösen
Es begann in der Phase
als sich die Menschen
die wenigen damals im Süden
freiwillig aus dem Paradies verabschiedeten
und mit der Plackerei beganne
Auf einmal waren Hunde da
Ihr Bellen war das Lachen des Teufels
über die Dummheit, sesshaft zu werden
Hier auf den Inseln
erschnüffelten sie entlaufene Sklaven
Trieben sie
wie die royalen Dackelwürste Füchse
vor die Jägerschiessgewehre
Es gab einen anständigen von ihnen, Chapo,
aber der hat sich erhängt;
mit der Leine um den Hals sprang er vom Dach
im Barrio Chilo Pueriet, Higüey, DR
Er kam auf mich zugestürmt
Ich wollte ihm schon mit einer Machete den Schädel spalten
Doch er war anders
Die Grossmutter sagt, sie hasst zwei im Haus
Den Hund und den Schwiegersohn (den anderen Hund)
Doch nur einer von beiden will sie töten
In der Nacht rannte Chapo den Zuckerrohrarbeiter
auf dem Motorrad nach
Bellte
Und kassierte Schläge, Schnitte mit Messern und Macheten
Er war ein sehr dummer oder sehr masochistischer Hund
Was hätschelten wir seine Wunden
Was trösten wir sein Winseln
Auch sein Erhängen:
Keiner weiss
War es ein Unfall
oder Selbstmord
Der Teufel hockt in den Hunden der Welt
Nicht alle sind abgrundtief böse
Aber der Teufel ist ein Virus
Man weiss nie wann er ausbricht
Das Boot
schaukelt in den Wellen
des Nachmittags
Die Überfahrt sei keine Sache,
lachte der Capitano,
ein starker Trinker
Auf dem Dach ein Hühnerkäfig
Unten inmitten zu vieler Menschen
ein Motorrad
Bei den kräftigeren Wellen
glaube ich den Punkt zu fühlen
gleich, bevor es kippt
Einem gestandenen Mann
schreibt sich die Panik ins Gesicht
„Wir schaffen das“,
johlt der Käpt’n
Wir müssen
Wir haben keine Rettungswesten an Bord
Hühnchen essen
Man nimmt das Hühnchen
vom Rotiergrill
Hält es vor sich hin
und drückt die Beinchen sanft auseinander
bis die Knorpel knacken
Dann beisst man in der Mitte rein
Eine säuerliche Marinade
Salz
Hitze
Der Saft ist das Köstlichste
Man saugt ihn restlos aus
Dann kommt der Arsch dran
Wie schmackhaft bist du, Hühnchen!
Korruption
gibt es hier nicht
sagen sie
und kaufen jeden
Die Unbestechlichen verschwinden
Die Radikalsten sind von Anfang an bezahlt
***
Der luciferianische Weg ins Gehirn von Gion Mathias Cavelty, photoSCHWEIZ, 2023
Der luciferianische Weg ins Gehirn von Gion Mathias Cavelty führt durch die Dunkelheit. Ein pestilenzialisch stinkendes Loch öffnet sich vor dem Text.
Das Missverständnis von Caveltys Kritikern (sie sind Legion) ist, dass sie sich, angewidert vom Gestank, nicht die Mühe machen durch das Loch zu kriechen, um an die süssen Früchte der Ideenbäume dahinter zu gelangen.
Ein erhaschtes und sogleich als Pennälerhumor betiteltes Fitzelchen ist bloss der Schattenfetzen des ewigen Lachens über die Schöpfung eines Idiotengottes, der wir alle unterworfen sind. Dieses befreiende Gelächter schallt durch jede von Gion Mathias Caveltys Zeilen. Er kennt seinen Käfig, er ist ein freier Mann.
Der Kritiker aber verbeisst sich im Fitzelchen, wie ein Katzenjunges in einem Wollknäuel. Er ist gefangen im Labyrinth seiner festgefahrenen Vorstellungen, während er sich in Freiheit glaubt. Es wäre der Welt mehr gedient, wenn solche Menschen Buchhalter oder Unterstufenlehrer werden würden.
Gion Mathias Caveltys Denken und Werk ist eine Schule des Sehens und der Erkenntnis. Zuweilen begebe ich mich für einige Stunden in seinen Hörsaal. Die vorliegende Fotoarbeit besteht aus Notizen, Anmerkungen und Skizzen zu Caveltys Ideenwelt.















Bildlegenden:
1 Der Eintritt
2 Das eeewige Warten auf das unvergängliche Brätchügäli
3 Holla, el Picapollo
4 Die Erschaffung und Auslöschung des Wortes
5 Gion piesackt einen Kritiker (Voodoo Edition)
6 #Xololove #Cigarlove #Tattoolove
7 Gion gebärt einen Dämon (Selbstporträt)
8 El toto verde
9 El guebo marrón
10 Tentáculos rosa (Hentai)
11 Las velas de las siete plagas
12 El triunfo de Arturo
13 El demonio con el culo suelto
14 Hinter dem Spalt
15 Der Austritt
Eine weitere Kollaboration von Gion Mathias Cavelty und Pablo Haller erschien 2020 bei „Petro 22“.
***
AGAINST ALL LOCORIDDIMS
(Kulturmagzin „041“, November 2021)
***
Die Masken des Verschwindens
Es ist dunkel wie in einer Kuh. Diese karibische Nacht ist ein hungriges Tier, das alles verschlingt. In einer Geschwindigkeit, die schwindlig macht. Landschaft, Häuser, die Strasse – sogar die Scheinwerfer von Max‘ Hyundai Jeep, der wendig und stets mit etwas zu viel Schuss den zahllosen Schlaglöchern ausweicht. Wir fahren seit Stunden durchs Hinterland.
Max Lang, ein ehemaliger Lufthansapilot, holte mich am Airport Toussaint Louverture ab, benannt nach dem Nationalhelden, der wenige Kilometer von der Schweizer Grenze in einem französischen Kerker elendlich verreckte. Aber vergessen wir die Geschichte. Diese ist hier in Haiti wie ein Gitterkäfig an der prallen Sonne, in dem die Insassen – allesamt in Einzelhaft wie Ezra Pound in Pisa – jeden Tag wahnsinniger werden.
Die Maschine aus Miami landete am späten Nachmittag. Ich liebe die schwüle Luft, die in das Flugzeug strömt und einen beinahe umhaut, sobald die Türen geöffnet werden. Es ist jedes Mal wie Nachhausekommen.
Wir haben uns lange nicht mehr gesehen, sicher dreieinhalb Jahre. Seit Max Frankfurt, der Schreiberei sowie seinem gesamten Sozialleben den Rücken gekehrt und sich nach Les Cayes, abgesetzt hat. Wenige hörten je von dieser Stadt, die sich durch zwei Begebenheiten in die Weltgeschiche drängelte, wie minderjährige Ausgänger am Türsteher vorbei. Auf der „Kuhinsel“ zwei Kilometer vor der Küste trieben im 17. Jahrhundert die Freibeuter Henry Morgen und Laurent de Graff ihr Unwesen und 1818 steuerte Simon Bolivar den Les Cayes an, um sich Waffen und Männer für seinen Freiheitskampf zu besorgen.
Es gab schon Getratsche, als Max verschwand. Einige glaubten an Guangua, einen Voodoozauber, den er sich bei einem Mädchen in der Ba Boutèy Ble in Little Haiti, Miami, eingefangen haben soll. Andere schrieben es ausgefallen Sexualpraktiken zu, „die Haitianerinnen beherrschen den Cocomordan, die melken dich mit deiner Muschi“ (über die erotischen Fertigkeiten der haitianischen Männer berichtet Kathi Acker im stilbildenden „kathi goes to haiti“). Ich glaube, Max wollte nochmal ein anderes Leben ausprobieren. Er hatte bisher einige Leben gelebt, gut gelebt, er ging darin auf wie ein Schauspieler in seiner Rolle – Max liebte die alten Filme, besonders „In A Lonely Place“ mit Humprey Bogart und Gloria Grahame.
Ich gehe das CD-Etui durch und schiebe eine gebrannte und übel zerkratzte Scheibe in den Player. Musik aus einer untergegangenen Epoche, zwischen Blues und Voodoozeremonie. „Sérénade à Carrefour“ von Ti Paris. Vertane Chancen, vergebene Liebschaften, das Leben eines Hundes in der Asphaltwüste. Selten hörte ich etwas dermassen Ursprüngliches und gleichzeitig Zugängliches. Höchstens Robert Johnson mit „King Of The Delta Blues Singers“, aber der hat nicht diesen Flow. Ti Paris musste seine Seele dafür nicht einmal dem Teufel verkaufen. Es gibt in der haitianischen Folklore genügtend Loas (Spirits), die dir für Zigarren, Rum und dann und wann ein Hühnchen, geben was du willst. Sie sind eifersüchtig, zänkisch und eitel – aber auch bedürftig. Und wenn du ihr Begehren stillst, kannst du alles von ihnen haben. Gott existiert hier zwar, aber er findet es müssig, sich mit den Nichtigkeiten des menschlichen Daseins zu befassen. Das gefällt mir.
Max war lange genug der einseme Gentleman, den man auf verlassenen Flughäfen finden konnte, wenn die letzte Maschine längst abgehoben hat. Auch die Rolle der „grauen Eminenz des deutschsprachigen Untergrunds“ hat ihm nie behagt. Max wollte Publikum. Dieses war einfach nicht reif für ihn. „Vielleicht sind meine Bücher für Astronauten, die sich auf langen, intergalaktischen Trips mal flüchtig, mal sehnsüchtig an das Leben auf ihrem Heimatplaneten erinnern“, meinte er in einem anderen Zeitalter, in einem anderen Leben bei Kaffee und Kuchen in Frankfurt und darauf: „Der Schreiber ist ein einsamer Reisender. Schliesslich muss er das Bildrauschen des täglichen Wahnsinns durchschauen. Die Zeit liefert dafür wenige Hilfen. Das Eigenständige, Unabhängige hat derzeit keine Verbündeten. Deshalb muss das Radikale Umwege finden.“
Die erste Frage am Airport, dieselbe wie immer. Die, die alles bedeutet. Die nach dem Schreiben.
Ich duckse mich rum. Arbeit, Familienkram, Netflix.
„Es braucht einen inneren Bezug, etwas, das einen nicht loslässt. Das heisst, du musst jetzt erst einmal alles in den Ring werfen. Das Ungetüm des Schöpferischen in den Griff bekommen. Ein Kampf, das ist es. Ein Kampf ohne Rücksicht, von dem man nicht weiss, wie er ausgehen wird. Danach erst lässt sich erkennen, was Bestand hat. Vergiss den Wert des Scheiterns nicht.“
Das hat erstmal gesessen.
Ein Auto sitzt uns auf, hupt, blinkt mit den Scheinwerfern, überholt nah an unserem Fahrzeug, hält an. Max legt eine Vollbremsung hin, der Fahrer vor uns wirft den Motor an und fährt weiter.
„Bist du sicher, dass wir nicht unterwegs übernachten und morgen weiterfahren wollen?“
„Hast wohl Schiss, hä? Hast wohl die Geschichten gehört von den Armen, die sie kidnappen und ihnen versprechen, sie nicht umzubringen, wenn sie es schaffen ein Fahrzeug mit reichen drin zu stoppen, damit sie diese ausrauben und umbringen können? Die fingierten Autounfälle, die Polizisten, die tags Uniformen tragen um das Gesetz zu vertreten und nachts, um sich selbst zu bereichern?“
Ich duckse mich rum. Mache ich je was anderes?
Max lacht. „Uns wird schon nichts passieren, ich kenn mich hier aus. In diesem Land herrscht seit der Unabhängigkeit eine Dauerkrise. Krisenzeiten sind gutes Material. Die Kanten werden schärfer, der Wahnsinn deutlicher. Was will man mehr?“
In mir steigt der Schluss von Graham Greens „The Comedians“ auf, das in Haiti spielt, und wie dieses endet – Spoiler: Nicht gut. Ich versuche einen Witz, verheddere mich und stolpere in einen unbeholfenen Exkurs über Leben und Schreiben.
Max unterbricht mich: „Das Schreiben bleibt ein Refugium. Wann waren die Zeiten schon gut? Manchmal läuft es besser, mal schlechter. Kein Grund, sich vom Kurs abbringen zu lassen.“
Der Hyundai holpert über die Schotterpiste. Vor uns Dunkelheit, hinter uns Dunkelheit, über uns Dunkelheit, unter uns rotten die, die es hinter sich haben und nun Dünger sind. Es ist dunkel wie in einer Kuh, die karibische Nacht verdaut uns und scheisst uns morgen früh wieder raus – das hoffe ich. Vielleicht sogar als andere, bessere Versionen von uns selbst. Noch nie war ich so verloren, noch nie war ich so … wie sagt man dem? … glücklich?
Erschienen in der „Maulhure“ (Ausgabe Nr. 8), mit umfangreichem Brevier mit Texten und Interviews zum Tod von Jürgen Ploog, November 2020
***
Dschnun
Kahba
Ich gehe runter in die Medina von Tanger
Biege beim Café de Paris rechts um die Ecke
Eine Irre hebt den Rock und pisst auf die Kreuzung
Unter dem scharfen Blick der Flics,
die Wache schieben vor dem französischen Konsulat
Ich gehe runter in die Medina von Tanger
Winke dem Kioskverkäufer zu, der mir, sehr pflichtbewusst,
Dienstag für Dienstag einen „Spiegel“ zur Seite legt
Ich gehe runter in die Medina von Tanger
Vorbei an der Deans Bar – James Dean?
Nein!, Joseph, der Burroughs nicht bediente
& A. will abbiegen „Lets have some Beers …“
Ich gehe runter in die Medina von Tanger
Vorbei an der Cinemathek, die gerade eine Revue
von ägyptischen Operetten zeigt,
quer durch den Stellungskrieg der Taxihupen auf dem Grand Socco,
hinein in die kühle Halle
wo das Fleisch an Haken hängt
Die Häupter der Hammel
Die gehäuteten Schafe
Die gerupften Hühner
Wo der Tod süssmodrig in der Nase kitzelt
Ich gehe runter durch die Medina von Tanger
zum alten Sklavenmarkt
Wäre ich hergekommen
in einem anderen Jahrhundert
hätten wir uns hier getroffen?
Hätte auch jemand für dich gesprochen?
Wie gestern Nacht, als du am Tresen an deinen
karmesinroten Haarspitzen rummachtest?
Weil du Arabisch sprachst und bloss Brocken
Wie viel wäre ich wert gewesen?
Mit meinem kompletten Satz Zähnen
Wofür wäre ich zu gebrauchen gewesen?
Mit meinen dünnen Ärmchen, dem zerzausten Haar,
dem verlorenen Blick
Hättest du auch gelacht und mit deinem Haar gespielt?
Wäre ich von Piraten geraubt gewesen und nicht bloss
kritisch beäugt von anarchistischen spanischen Pájaros?
Ich gehe durch die Medina von Tanger
Blicke zerren an meiner Djellaba
Rufe von Händlern strömen zusammen
in einen tumultuösen Atlantik
Wir kennen unsere Laute
Wann lernen wir sprechen?
Eid el-Kabir
Mit treuherzigen Augen
trotten sie durch die Medina
im Zottelpelz
Die Hörner stehen müd’ vom Kopf
Kinder treiben sie voran
Kinder in Fussballshirts
Schertenleib, Paralluelo, Caicedo etcetera
Ziehen sie
stossen sie
streicheln sie
umarmen sie
küssen ihren Zottelpelz
mit treuherzigen Augen
Morgen früh
fährt das messer
der Kehle entlang
um Abraham zu gedenken
der Allah so sehr liebte
dass er ihm seinen Sohn
geopfert hätte
Erschienen in „Mosaike – Lyrik für alle“, Anthologie der 3. Babelsprech-Konferenz Salzburg 2016
Fadschr
In der Mitte lichter Schatten
wenn du schläfst im Dämmerhell
mit abgespreiztem Bein
Dort, fast noch drüben in der Nacht
zeugt ein lichter Schatten von gestreckten Waffen
Lass mich die Rippe sein, die dein Herz schützt
die Frucht, die dir die Augen schliesst
lass mich den Traum sein, durch den du gehst
den Garten, den du vergessen hast
das Heimweh, das sich lichtet
die Ruhe vor Fadschr
***
Land
Lyrik zu einer Arbeit des Fotografen Mischa Christen
Dalmara
Ponte Tresa ist nicht Kingston
Die Coyote Ugly Bar, die ist wie sie heisst
Hier traf ich sie, Dalmara
am Tresen, der Tränke
Hier traf ich sie, Dalmara
wir beide leer & durstig
Hier traf ich sie, Dalmara
Sie sagt, ihr Vater versuchte sie zu töten
Sie fährt sich durchs Haar, reibt sich die Augen
Sie bestellt noch eine Runde
Zwei Kinder weg,
bleiben übrig: ein Freund und drei Katzen
Erschienen in „Lyrik von Jetzt 3“ (Wallstein Verlag, 2015) und am 5. November 2015 im „Zürtipp“, wo Michael Fehr wie folgt über Text und Autor Auskunft gab:
„Ich habe ein Bild von Hitze, Feuchtigkeit, Schummrigkeit. Für mich ist Pablo in seinen Gedichten einer, der sucht, indem er macht, nicht einer, der sucht, um etwas daraus zu machen. Der Satz über den Vater verrückt die Szenerie aus dem Nichts an einen Ort, der ohne Umschweife roher und exotischer ist als die Orte, die mir die alltäglichsten sind. Das Allernächste liegt plötzlich in einem Dschungel, in dem die vertrauten Wahrheiten sich zu entziehen anfangen.“
Ballade
Was wird aus uns
wenn du weggehst?
Uns gibt es dann
nicht länger
Was wird aus dir
wenn du weggehst?
Ich werde nicht
dieselbe sein
Was wird aus mir
wenn du weggehst?
Mach du
was du willst
Betruf
Willst du Blumen?
Willst du Rauch?
Einen Arsch?
Einsamkeit überbrücken?
Willst du Asche?
Den Asphalt küssen?
Durch die Nacht kommen?
Hinters Licht?
***
Fabrikzeitung: Last Exit Waldhüsli
Weitere (neuere, online publizierte) Texte, die in der Fabrikzeitung erschienen sind.
Nun ja. Dieses betrunkene Fahren. Dieses betrunkene Fahren auf frisch verschneiten Strassen. Und ich weiss ja auch nicht, was dieser Hugo sich sonst noch so geschmissen hatte. Auf jeden Fall waren da eine Kurve und eine Böschung und der Hugo entschied sich für die Böschung. Bremste zwar noch, doch wir schlitterten seitwärts runter und wumms war der Arsch des Wagens in einen Baum, der ihn bis zum Rücksitz aufriss. Durchatmen, laaangsaaam aussteigen. Abtasten. Nix passiert.
Es war tiefste Nacht. Hugo hatte kein Handy und meines war gesperrt, weil ich seit Oktober keine Rechnungen mehr bezahlt hatte. Im Handschuhfach lag eine Flasche Bombay Gin, in meiner Manteltasche steckte eine zur Neige gehende Packung Zigaretten. Es war die Nacht von Sonn- auf Montag. Und mittlerweile war es so kalt geworden, dass es aufhörte zu schneien.
Nun ja. Was wollten wir? Abhauen und den Wagen morgen als gestohlen melden? Wie auch immer. Wir waren ziemlich von der Rolle. Stapften in der Mitte der Strasse unseren Gin schwenkend, rauchten die spärlichen Kippen auf und der Hugo sagte „Sorry“ und ich „Lass es einfach“.
Wir torkelten über zwanzig Minuten durch die sihltaler Eiswüste und kein Auto fuhr vorbei. Kein Laster, kein Licht in der Ferne. Das Rinnsal gurgelte irgendwo links unten, die Nacht war so schwarz wie der Tod. Nur die Strasse mit ihrem feinen Schneefirn tat so, als könne sie uns irgendwohin führen.
Zwei Hänsels allein im Wald. Und auf einmal eine feine Melodie, die sich durch die Dunkelheit wob, eine feine Melodie, begleitet von einem schummerigen Schein, der matt im Schnee lag.
Als ich das Chalet sah, dachte ich als erstes an das „Titty Twister“ aus „From Dusk till Dawn“. Hugo hatte sich da bereits ins Dickicht verschanzt und schnitzte sich mit seinem Butterfly-Messer einen Stecken zurecht, als möchte er Cervelats braten. Als hätte er Cervalats!
Mit dieser weiss-rosafarbenen Fassade sah das Waldhüsli, ein ehemaligs Cabaret, aus wie das Zuckerbäckerhäuschen einer üblen Hexe. Ich versuchte mich abermals Hugo mitzuteilen, der meinte bloss: „Jaja und dann müssen wir unsere Schwänze durchs Gitter halten und der dickste wird abgehackt und gebraten.“ Ich hatte keine Nerven für diesen Hänselgretelsplatterporno, der in Hugo ablief und überliess ihn sich und seinem Stecken. Torkelte die Treppe rauf und machte mich an der Tür zu schaffen, die sich auf einmal von seler öffnete. Feierlich wurde ich von einer älteren Dame begrüsst und hineingewunken.
Es war wie in „Shining“. Die Szene in der Bar mit den Geistern und so. Junge Frauen in Stiefeln und kurzen Kleidern. Ein Koch, zwei Kellner aus der goldenen Zeit zwischen den 1940ern und 1960ern, als das – damals noch ohne Diminutiv – „Waldhaus“ eine respektable Fressbeiz war, die noble Gäste lockte. Hinter dem Tresen schwankte ein finsterer Geselle in weissem Anzug, vor einer David-Statue die von zwei Eckspiegeln bedrängt wurde. „Was trinktst du?“, „Blut!“ – kam nicht gut an. Ich fühlte von hinten je eine Hand an Kragen und Hosenbund. Auf einmal weibelte die dicke Dame hinter dem Tresen und stellte mir ein Bier hin. „Hier. Und versuch bloss nicht mehr lustig zu sein.“ Ich rollte meinen Kopf, versuchte eine Verspannung im Hals loszuwerden. Alles knackste. Da fiel mein Blick an die Decke: Ein Plüschaffe ritt einen Ventilator, der träge kreiste wie ein altersschwacher Adler auf Valium.
Den Hugo vergass ich allmählich. Auch die Nacht und den Morgen, der allmählich hätte dämmern müssen. Wer weiss, vielleicht war er erfroren, der Hugo und der Morgen gleich mit. „Flaue Nacht heut, was?“, „Keine Ahnung, bin zum ersten Mal hier. “ „Fridl“, rief der Mittfünfziger mit Schnauz und Topffrisur aus und hielt mir die Hand hin. Aus den Boxen Lady Gaga. „We are plastic / but we still have fun.“
Irgendwas war nicht, wie es sollte. Die Mädchen schienen busy. Doch ausser Friedl und mir war keine Menschenseele da. Sie kamen und gingen. Die lilafarbenen Wände schienen organisch, schienen sie launig-gelangweilt zu schlucken und auszuspucken.
„Das Gebäude ist über hundert Jahre alt. Stell dir vor, was hier drin schon alles passiert ist. Entworfen hat es annodazumal der Architekt Jacques Gros, der Basler, der auch das Dolder gebaut hat“. Ich liess Friedl reden. Die Szenen waren wie Deadlines: Sie sausten nur so an mir vorbei. „Das steht unter Schutz hier, kann man nicht einfach abreissen. Im März vor einem Jahr kam das Hüsli für 370’000 Stutz unter den Hammer. Neufeld Immobilien. Erst hiess es, sie wollen ein Restaurant machen, nun soll es als Kit-Cat-Club wiedereröffnen. Mit Tänzerinnen, aber ohne Sex“, laberte der Friedl noch immer. Ich musste einen Herrenwitz verpasst haben, denn nun ventilierte Friedel wie ein Zweitaktmotor, der nicht anspringen will.
„Hast was zum runterkommen?“, wandte ich mich an die Bardame, die selig abwesend schien. „Mund auf, Augen zu“, flüsterte sie, ihre Lippen streiften meine Ohrmuschel.
Ein Wanderzirkus brach durch die Tür. Ein Zwerg begann Barhocker zu verschlucken, bis keiner mehr stand. Eine Riesin schnitt sich den Bauch auf und schmierte mit ihrem Blut Kit-Cat-Club an die Wand, die sie sich innert Sekunden vollständig einverleibte. Die Empfangsdame verschwand mit dem Koch, der sich seit meinem Eintritt nicht gerührt zu haben schien.
Ich versuchte die Lider zu schliessen, sie waren wie angeleimt. Kurz darauf begannen sie unkontrolliert zu flirren. Der David da zwischen den Spiegeln starrte mich an. War er der Weissanzugtyp? Er wächst, fällt runter, bricht. Augen stellten Entwürfe in Frage. Ein gesegnetes Gesudel. Friedl kam zurück, auf allen Vieren, gehalsbandet und eine unbemannte Leine im Schlepptau. Sausen zwischen den Ohrmuscheln. Unheilvolles Dämmern. „Titty Twister“, ihre Nippel waren blau wie Alkoholvergiftung. Haut schälte sich in Streifen ab. „We are plastic / but we still have fun“. Körper schmürzelten wie Spielzeug ineinander. Blieben kleben. Ein seliger Morgenakkord kippte die Nacht aus. Spülwasser, Kotze, Kippenstummel, schales Bier, verflüchtigter Schnaps und erbrochene Pillen.
Ich erwachte nackt und an einen Heizkörper gekettet. Aus einer Ecke vis à vis beäugte mich eine Katze, bis sie das Interesse verlor und ging. Ansonsten schien das Haus verlassen.
***
Leda (2014, Gonzo Verlag, Mainz)
nur wenn du kotzen musst, taugt der stoff, sagt leda
auf der straße ohne kohle fast wie cabiria
alles verloren & dreimal mehr
den glauben, die würde, den stolz
wo kann man hin, wenn man weg muss?
***
Südwestwärts 1&2 (2013, Gonzo Verlag, Mainz)
südwärts!
den fluss runter
den fäusten entlang
den geschwollenen
augen entlang
dem atemlosen
magen entlang
südwärts!
körper treiben
wie kähne
vorbei
schlaflos
starre ich
starre ich
starre ich
in feuchten rauch
schwärze & schatten
Rezension Jürgen Schneider in der „Jungen Welt“
Stimmen zu „Südwestwärts 1&2“
„Als ich die Manuskripte von Pablo Haller eingeschickt bekommen habe, hat es nicht wirklich lange gedauert bis ich dachte: Du solltest Pablo sofort schreiben, dass du das wahnsinnig gerne machen würdest. Und nun ist es fertig: ‹Südwestwärts 1&2› – und es ist großartig geworden. Um auf den Autor zu rekurrieren, an dessen ‹Westwärts 1&2› hier im Buchtitel angespielt wird: Außerordentlich und obszön! Florian Vetsch war schnell gewonnen, das Vorwort für dieses eindrückliche Road-Poem zu schreiben. Hadayatullah Hübsch widmete seinerzeit seinen Beatlyrikband ‹Marock ‘n’ Roll› Florian Vetsch. Da schließen sich mal wieder Kreise.“
Miriam Spies, Verlegerin
„Und nun ‹Südwestwärts 1&2›. Ein eindrücklicher Band, in dem Haller Spuren auslegt und verwischt. Er montiert, den beigegebenen Collagen adäquat, Texte, Zonen und Zeiten zu einem Sprachstrom, der sich immer wieder am lyrischen Ich festmacht – das allerdings alles andere als eine fixe Größe ist. Als gesichertes Subjekt brechen das lyrische Ich bereits die Schnittstücke aus Brinkmanns ‹Westwärts 1&2› auf, die Haller in den zweiten Block seines Werks eingebaut hat. […]
Echos auf diese und weitere seiner Marokkoreisen finden sich in ‹Südwestwärts 1&2›. Marokko liegt, von Luzern aus gesehen, südwestwärts. Doch wie es von Pablo Haller nicht anders zu erwarten ist, führt er uns in seinem Road-Poem in kein Land von 1001 Nacht, sondern mitten hinein in die ‹algebra des verlangens› und hart heran an die Verwerfungen der Gegenwart. Seine Gedichte sind ‹versuche hinter die frontlinie / zu gelangen›, die politischen Grenzen genauso wie diejenigen des Bewusstseins zu sprengen und ein ganz Anderes in den Blick zu bringen.“
Florian Vetsch im Vorwort
„Das ist Brinkmann ohne die Dauerwurst im Kühlschrank.“
Jürgen Ploog
„Ey, gute Arbeit. Südwestwärts sei unser Kurs, und paß auf, daß du nicht in der Frankfurter Anthologie landest und von einem Besserwisser besprochen wirst.“
Carl Weissner
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Sessa Connection: Ändnacht / Lichtarien (2013, Verlag der Kollaboratör, Luzern)
obe esch blau & ändlos
es gohd e liechti brise
ech legg im schatte vom ne baum
e bach us wii plätscheret verbi
fleisch wachst mer is mul
monzig chlini entercöttli
wo of de zonge vergönd
wenn das de hemmel esch
muess es ergendwo no en höll gä
e grosse spiegel
werft üses bild uf üs zrogg
sie sig fasziniert, flöschtret d rachida
vo unschuld und bluet
rot of wiss
fasch wie n es schwizerchrüz
fasch wie n es schwizerchrüz
nor omgekehrt
e wonderschöni wärmi explodiert i mer
ech sell de spiegel kapott schloh
schreit e stimm i mer
ech sell de spiegel kapott schlo
ond sini schärbe schnopfe
schreit en stemm i mer
sie welli immer mit mir si
hucht sie, d rachida
denn isch sie wäg
ech wach uf
ofre schlammige landstrass
mini chleider sind nass
ech hueschte
ond ehri stemm
huscht dör d gräser
vor was hesch angscht
fragt si
z si sägi ond du?
ned z si seid sie
de verblost sie de wend
ond wenn das d höll esch
wenn das d höll esch
de muess es ergendwo no e hemmel gä